Das Jahr 1988 hat gezeigt, dass SchülerInnen nicht positiv reagieren, wenn zu großer Druck bei der Vermittlung von Werten und Haltungen ausgeübt wird. Damals ging es um den Aufbau eines kritischen Bewusstseins in Bezug auf autoritäre Strukturen anlässlich der Okkupation Österreichs durch das Deutsche Reich.
Was die Situation globaler Disparitäten von Entwicklung und Stagnation sowie die binären Codes Nord-Süd, Arm-Reich betrifft, bedarf es ebenfalls des Aufbaus spezifischer Haltungen und Handlungsweisen bei Jugendlichen. Allerdings, wie sollen Lernprozesse organisiert werden, ohne die bereits bekannten Abwehrreaktionen zu provozieren, die durch persönliche Betroffenheiten hervorgerufen werden? Die aktuelle Schulgeographie zeigt, wie Schulbuchbeispiele belegen, kaum didaktisch angemessene Wege auf und setzt statt einer Einbeziehung des Subjekts in Lernprozesse auf schülerferne kognitive Vermittlungsrituale. Dadurch bleiben den Jugendlichen, insbesondere was die Berücksichtigung postkolonialer Perspektiven im Unterricht betrifft, wichtige Einsichten und Erkenntnisse nicht zuletzt über sich selbst verwehrt. Ein Ausweg aus diesem Dilemma wäre die Konstruktion schülerorientierter Lernprozesse, die auf den lebensweltlichen Erfahrungen der SchülerInnen aufbauen und ihnen dadurch die Hinterfragung der eigenen Identität im Rahmen einer latent weiterwirkenden Kolonisierungsproblematik durch die Art und Weise der Darstellung von Ereignissen, Personen und Entwicklungen ermöglichen.