In diesem Artikel wird der Frage nachgegangen, ob und inwieweit im heutigen Bolivien die Herausbildung einer nationalen Identität festzustellen ist. Basierend auf 50 selbst durchgeführten Tiefeninterviews, der Ausweitung von zwei weiteren landesweiten Umfragen und historischem Material wird die Schlussfolgerung gezogen, dass sich in Bolivien eine dauerhafte synkretistische Lösung zwischen Traditionellem bzw. Partikularistischem und Modernem bzw. Universalistischem abzeichnet. Diese Synthese beruht wesentlich, so wird argumentiert, auf der Akzeptanz des westlichen Wirtschaftsmodells und der repräsentativen Demokratie durch die indigenen Bevölkerungsgruppen und auf einem nicht friktionsfreien aber friedlichen Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungssegmente bei relativ hoher vertikaler Durchlässigkeit. Befördert wurde es darüber hinaus durch die Implementierung von sozialen Reformen durch nationale Funktionseliten, welche Bolivien in Richtung einer multikulturellen Gesellschaft verändert haben.