Spätestens seit den Wahlerfolgen der islamistischen Wohlfahrtspartei ab 1994 spricht man von einem Aufstieg des politischen Islams in der Türkei. In diesem Artikel wird ein kritischer Blick auf zwei Ansätze geworfen, die dieses Phänomen zu erklären versuchen. Einerseits werden orientalistische Positionen analysiert, die die Entwicklung in der Türkei unter dem Stichwort “religiöser Fundamentalismus” abhandeln und dabei auf einem unversöhnbaren Unterschied zwischen dem “fortschrittlichen Westen” und “atavistischen Orient” aufbauen. Exemplarisch für diese Herangehensweise werden Zeitungsartikel aus den österreichischen Medien untersucht, in denen über die Zollunionsverhandlungen zwischen der EU und der Türkei Ende 1995 berichtet wird. Als zweites wird die Interpretation der islamistischen Bewegung als Identitätspolitik durch eine Gruppe von türkischen liberalen Intellektuellen näher betrachtet. Anhand ihrer repräsentativen Werke werden die gemeinsamen Züge herausgearbeitet, wobei sich herausstellt, daß auch diesen ein ahistorischer Dualismus “Staat vs. Zivilgesellschaft” zugrunde liegt. Schließlich wird ausgehend von dieser Kritik und Gramscis Theorie der Hegemonie der Versuch untemommen, einen altemativen Erklärungsansatz zu entwickeln. Dieser soll anhand zweier Phänomene des Politischen Islams, einerseits des islamistischen Industriellen- und Unternehmerverbandes (MUSlAD) und andererseits der nach 1980 propagierten” Türkisch-Islamischen Synthese”, die komplexen Zusammenhänge zwischen der ökonomischen, politischen und kulturellen Ebene verdeutlichen.