Das vorliegende Schwerpunktheft widmet sich der Analyse Europas mithilfe einer lateinamerikanischen Brille. Dependenztheorie, die Utopie des guten Lebens (buen vivir) und praktische Erfahrungen des Bündnisses von Bewegungen und Reformregierungen werden nutzbar gemacht, um gegenwärtige Probleme bei uns besser zu verstehen. Dieser auf gegenseitiges Lernen ausgerichtete Zugang ist deshalb so wichtig, weil sich die Anzeichen mehren, dass die Grenzziehungen zwischen dem Zentrum und der Peripherie der Weltwirtschaft ins Wanken geraten sind. Ungleiche Entwicklung nimmt neue Formen an. Während sich Teile Europas „brasilianisieren“ im Sinne der Herausbildung von ungleichen Entwicklungsdynamiken innerhalb eines Territoriums, beobachten wir gleichzeitig, wie sich Lateinamerika ein Stück weit „ent-brasilianisiert“, das heißt politische Strategien umsetzt, die die strukturelle Heterogenität im eigenen Territorium verringert.